Das Glück kommt aus der Plastikkapsel

Die Aufstiegsfrage in der Oberliga Baden-Württemberg ist per Los entschieden / Die TSG Söflingen mit Neu-Trainer Tobias Klisch begleitet den TSV Neuhausen/Filder in die dritte Liga

Mit dem Losentscheid zum Drittligaaufstieg am vergangenen Samstag durch den Dachverband Handball Baden-Württemberg ist die Saison in der höchsten Spielklasse des Landes endgültig beendet. Weil aus verschiedenen Gründen die meisten Vereine schon im Vorfeld ausstiegen, gab es praktisch ein Showdown am grünen Tisch zwischen der TSG Söflingen und der SG Köndringen/Teningen. Die SG H2Ku Herrenberg hatte hingegen schon relativ früh abgewunken.

Am Ende war es eine Sache von wenigen Sekunden. Von den beiden Pastikkapseln wurde die mit dem Zettelchen der TSG Söflingen gezogen und löste damit grenzenlosen Jubel in Ulm aus. Auf der anderen Seite der Videoschalte gab es dagegen lange Gesichter. Die SG Köndringen/Teningen ging leer aus und spielt somit auch in der kommenden Saison in der Oberliga Baden Württemberg. Dass es am Ende einer mehr als kurzen und letztlich zeitig abgebrochenen Runde zu einem solch skurrilen Szenario kam, bedarf dabei wohl einiger Erläuterungen.

Anfang Oktober 2020 gingen 18 Teams an den Start einer Mammutsaison, die schon im Vorfeld Zweifel an der Durchführbarkeit aufkommen ließen. Daß bis zum 1. Mai 2021, dem Tag des finalen Losentscheids aber, bedingt durch die Corona-Pandemie, mit dreißig ausgetragenen Partien nur etwa ein Zehntel aller Spiele absolviert werden konnten, hatten selbst die größten Pessimisten nicht erwartet. Noch im Januar 2021 gab es den Plan, zumindest eine komplette Halbserie auszuspielen. Etwa zu dieser Zeit kam auch das Angebot in Form einer Umfrage des Deutschen Handball-Bundes, wie denn die Landesverbände in Deutschland zum Thema Drittligaaufstieg stehen, da dieser im Normalfall durch den Grundlagenvertrag geregelt ist. Handball Baden-Württemberg entschied sich einstimmig dafür. „Wir wollten den ambitionierten Vereinen nicht im Wege stehen“, so der Leiter der Spieltechnik, Johannes Kern. „Auch in den anderen Verbänden herrschte der gleiche breite Konsens“, betont Kern. Also bekamen die Oberligen insgesamt zwölf Aufstiegsplätze. Baden-Württemberg erhält seit der handballerischen Fusion von Baden und Württemberg im Jahre 2000 übrigens zwei Aufstiegsplätze.

Solch packende Szenen wie im Vorjahr wird es zwischen beiden Teams durch den Aufstieg der TSG Söflingen in der kommenden Saison nicht geben / Foto: P. Gebhardt

Das Problem allerdings bestand darin, dass weder im Januar noch im Februar an Handball zu denken war. Ganz im Gegenteil: Am 12. Februar wurde die Runde sportlich beendet. Danach wurden die 18 Vereine auf ihr Interesse an einer Aufstiegsrunde abgeklopft. Es meldeten sich acht Teams, die positiv antworteten. Der TuS Steißlingen, die SG Köndringen/Teningen, der TSB Schwäbisch Gmünd, der TSV Weinsberg, die TSG Söflingen der TV Bittenfeld 2 sowie der TSV Neuhausen/Filder und der TSV Zizishausen wollten den Schritt Richtung 3. Liga gehen. Einige der Vereine hatten dabei wohl auch nur die Auffrischung ihrer Wettkampfpraxis im Hinterkopf. Gleichwohl – zum scharf gestellten Meldeschluss am 22. März blieben noch vier Mannschaften übrig: Neuhausen/Filder, Bittenfelds Bundesligareserve, Söflingen sowie Köndringen/Teningen.

Die SG H2Ku Herrenberg war zu diesem Zeitpunkt schon lange aus dem Rennen. Die sportliche Führung um Trainer Fabian Gerstlauer sowie das Managment mit Hansi Böhm und Tobias Barthold brauchte nur eine kurze Bedenkzeit. „Wir sind qualitativ momentan gut in der Oberliga aufgehoben“, so Barthold. Für Hansi Böhm stand noch ein anderer Aspekt im Raum: „Mit einer solch kurz angedachten Anlaufphase wären die Verletzungsrisiken nicht kalkulierbar gewesen“. „Im Nachhinein wäre ein Losverfahren zwar auch verlockend gewesen, aber beileibe nicht fair“, weint Tobias Barthold der unverhofften Chance aber trotzdem kaum eine Träne nach.

Anfang April war indes klar, dass eine Entscheidung auf dem Parkett nicht mehr möglich sein würde. So lud der Vorstand von Handball Baden-Württemberg die vier Vereine virtuell ein und räumte ihnen die Möglichkeit ein, eigene Lösungswege zu finden – praktisch aus vier mach zwei. Diesen ungewöhnlichen Weg erklärt Johannes Kern so: „Wir wollten als Verband nicht diktatorisch auftreten und über den Kopf der betroffenen Vereine bestimmen“. Ein Grund war sicherlich auch die Schaffung von mehr Rechtssicherheit, wenn die Teams ihr Schicksal selbst bestimmen können.

Ganz so perfekt lief es dann aber doch nicht. Einig war man sich schnell über zwei Dinge: In allen möglichen Wertungskriterien lag der TSV Neuhausen/Filder vorn und der TV Bittenfeld 2 auf Platz vier. Da die Bittenfelder einen möglichen Losentscheid ohnehin ablehnten, verzichteten sie auf weitere Bemühungen. Somit einigte man sich auf Aufsteiger Nummer 1 Neuhausen/Filder. Schwieriger war die Konstellation dann mit dem zweiten Aufsteiger. Sowohl die SG Köndringen/Teningen als auch die TSG Söflingen beharrten auf ihre Aufstiegsambitionen und konnten sich nicht einigen. Dies ist einigermaßen verwunderlich, waren doch die Südbadener in den letzten zehn Jahren allein durch mehrere Jahre dritte Liga nur einmal schlechter platziert als die Söflinger.

Die fünfköpfige Entscheidungsgewalt von Handball BW setzte daher als letzten finalen Akt den Losentscheid am vergangenen Samstag an. Spieltechnik-Leiter Johannes Kern erklärt den frühen Termin folgendermaßen: „In den kommenden Wochen dürfte ein Handballtraining kaum möglich sein. Wenn wir ein Entscheidungsspiel für Ende Juni ansetzen, bleibt bis zum Auftakt der Drittligasaison für den Sieger kaum Zeit“. Kern selbst ist derweil auch froh, dass die Saison nun einen Abschluss findet. „Jetzt können wir den vollen Fokus auf die neue Saison richten, die hoffentlich in einem normalen Rahmen ablaufen wird“.

Auch wenn die SG H2Ku am Samstag außen vor war, ein ehemaliger Herrenberger stand bei der Auslosung besonders unter Spannung. Tobias Klisch tritt zur neuen Saison das Traineramt bei der TSG Söflingen an und wurde nun im Handumdrehen plötzlich Drittligacoach. Der 34- jährige durchlief alle Nachwuchs- und Aktivenabteilungen bei H2Ku und war Co-Trainer unter Nico Kiener in der damaligen Drittligamannschaft. Zuletzt trainierte er den Württembergligisten SG Schozach-Bottwartal. Der in Kuppingen aufgewachsene Klisch machte aus seiner Freude dann auch keinen Hehl. Natürlich wäre er gerne sportlich aufgestiegen. „Diesen Losentscheid nehmen wir jetzt als Verein mit einer gewissen Demut an und wollen aber auch zeigen, dass wir zurecht in der 3. Liga spielen dürfen“. Was dadurch allerdings in nächster Zeit ausfallen muss, ist ein Wiedersehen mit seinem alten Verein, der SG H2Ku Herrenberg in den Oberligaduellen. Das wird Tobias Klisch wohl angesichts des unverhofften Aufstiegs aber gerne verschmerzen.